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Eine Markenuhr für 30 Euro. Ein Paar Sneaker für 40 Euro. Eine Handtasche für 80 Euro, obwohl das Original ein Vielfaches kostet. Solche Angebote findet man heute überall im Urlaub oder Internet, oft mit professionellen Fotos und einer Produktbeschreibung, die keine Zweifel aufkommen lässt. Manche Fälschungen sind inzwischen so gut gemacht, dass selbst geschulte Prüfer genau hinsehen müssen.

Polos und Jeans in Belek, Türkei
Polos und Jeans in Belek, Türkei

Für den Käufer ist die Rechnung schnell gemacht: Das Original ist teuer, der Fake sieht fast genauso aus, warum also mehr bezahlen. Diese Rechnung hat allerdings einen Haken. Bei einer Fälschung kaufen Sie nicht nur ein Produkt, dessen Qualität Sie kaum beurteilen können. Sie wissen auch nicht, wie gesund das Produkt für Sie ist, wer es hergestellt hat, unter welchen Bedingungen das geschah und wer am Verkauf verdient. Der Handel mit gefälschten Produkten ist inzwischen ein globales Geschäft in dreistelliger Milliardenhöhe, mit Verbindungen zu Bereichen der organisierten Kriminalität, die weit über die Verletzung von Marken- und Patentrechten hinausgehen.

Ein Markt von 467 Milliarden US-Dollar

Eine exakte Zahl kann niemand nennen, das liegt in der Natur eines illegalen Marktes. OECD und EUIPO versuchen es trotzdem, anhand von Handelsdaten und Zollbeschlagnahmungen, und veröffentlichten im Mai 2025 ihre aktuellste gemeinsame Schätzung im Bericht “Mapping Global Trade in Fakes 2025”: Der weltweite Handel mit gefälschten und raubkopierten Waren erreichte einen Wert von 467 Milliarden US-Dollar und entsprach damit 2,3 Prozent des weltweiten Warenimports. Diese Zahl bezieht sich auf das Jahr 2021, das aktuellste Jahr, für das belastbare Zolldaten vorliegen. Für die Europäische Union allein schätzten die beiden Institutionen den Wert der importierten Fälschungen auf 117 Milliarden US-Dollar, das entspricht 4,7 Prozent der EU-Importe aus dem Rest der Welt.

Man sollte diese Zahl nicht mit einem aktuellen Jahresumsatz verwechseln, sie zeigt aber die Größenordnung des Problems sehr deutlich. Auch die Beschlagnahmungen der europäischen Behörden bestätigen das Bild. Die EU-Kommission veröffentlichte im Oktober 2025 ihren Jahresbericht für 2024: Zoll- und Marktüberwachungsbehörden der EU beschlagnahmten 112 Millionen gefälschte Artikel im geschätzten Wert von 3,8 Milliarden Euro. Kleidung, Schuhe und Lederwaren machten dabei den größten Anteil aus, sie standen zusammen für 62 Prozent aller beschlagnahmten Fälschungen. Für 2025 liegen noch keine Zahlen vor, der nächste Bericht wird voraussichtlich im Herbst 2026 erscheinen.

Warum manche Fakes erstaunlich gut sind

Eine schlechte Fälschung erkennt man schnell, das eigentliche Problem sind die guten. Die Vorstellung, Fälscher würden einfach ein billiges Produkt herstellen und ein fremdes Logo daraufkleben, greift heute zu kurz. Die Produktionsketten sind teilweise international organisiert und hochgradig arbeitsteilig. OECD und EUIPO beschreiben in ihrer Studie sogenannte Localisation-Strategien: Komponenten oder unbedruckte Waren werden importiert und erst nahe am Absatzmarkt endgefertigt, oft in Freihandelszonen mit reduzierter Kontrolle, die den Fälschern zusätzliche Flexibilität bei der Standortwahl verschaffen. Eine gängige Taktik besteht darin, Verpackungsmaterial getrennt vom eigentlichen Produkt zu verschicken, damit im Fall einer Kontrolle nur ein Bruchteil der Sendung beschlagnahmt werden kann. Bauteile, die Marken-, Design- oder Patentrechte verletzen, fallen zudem seltener auf, wenn sie unmontiert und ohne Markenaufdruck verschickt werden. Die globalen Zolldaten von OECD und EUIPO bestätigen diesen Trend: 20 Prozent aller Beschlagnahmungen 2020 und 2021 betrafen Verpackungsmaterial, Etiketten und andere Echtheitsmerkmale wie Hologramme oder QR-Codes, getrennt von den eigentlichen Waren.

Ein anschauliches Beispiel liefert die europaweite Zollaktion Operation Fake Star, die Europol und EUIPO gemeinsam durchführten. Bei der zweiten Auflage der Operation im Jahr 2023 stellte sich heraus, dass rund 65 Prozent der dort beschlagnahmten Waren aus Etiketten oder aus einer Kombination von Etiketten mit unmarkierten Produkten bestanden, ein deutlicher Hinweis auf inländische Endfertigung nahe am Absatzmarkt. Ein Fälscher muss ein Produkt also nicht selbst entwickeln, er kann sich sehr genau am bestehenden Original orientieren und die letzte Fertigungsstufe dorthin verlagern, wo der Absatz erfolgt. Das erklärt, warum die Behauptung “Das ist dieselbe Qualität wie das Original” auf den ersten Blick manchmal plausibel wirkt, ohne dass sie deshalb zutrifft.

Ein Fake sieht vielleicht gut aus und ist trotzdem gefährlich

Bei einer gefälschten Handtasche ist schlechte Qualität vor allem ärgerlich. Bei einem elektrischen Gerät kann sie gefährlich werden. OECD und EUIPO haben sich in einer eigenen Studie intensiv mit sogenannten Dangerous Fakes beschäftigt, also Fälschungen, die Gesundheits-, Sicherheits- oder Umweltrisiken bergen. Dazu zählen unter anderem gefälschte Medikamente, Kosmetik, Spielzeug, elektronische Produkte und Kfz-Ersatzteile.

Bei solchen Produkten kann der Käufer die entscheidenden Qualitätsmerkmale meist gar nicht selbst beurteilen. Ein Ladegerät kann äußerlich perfekt aussehen, entscheidend ist aber die elektrische Isolierung im Inneren. Ein Kfz-Ersatzteil kann genauso aussehen wie das Original, entscheidend sind Materialeigenschaften und Fertigungsqualität, die man dem Bauteil nicht ansieht. Bei einem Medikament hilft die perfekte Verpackung wenig, wenn Wirkstoff, Dosierung oder Herstellungsbedingungen nicht stimmen. Wie real dieses Risiko ist, zeigt eine Zollaktion, die OLAF gemeinsam mit Behörden aus der EU, Norwegen und zwölf asiatischen Ländern koordinierte: Bei Operation Renegade wurden über 70.000 gefälschte Kfz-Ersatzteile wie Kühlergrills, Öl- und Luftfilter sowie Kraftstoffpumpen beschlagnahmt, dazu 590 Behälter mit gefälschtem Kältemittel, wie es in Klimaanlagen zum Einsatz kommt. Genau hier liegt der wesentliche Unterschied zum Original: Dort gibt es Verantwortliche, Prüfprozesse und eine rechtlich fassbare Lieferkette. Bei der Fälschung fehlen diese Sicherheiten oder sind zumindest nicht zuverlässig nachvollziehbar.

Auch bei Textilien ist das Risiko real, auch wenn es hier seltener zur Sprache kommt als bei Ladegeräten oder Medikamenten. Der US-Branchenverband American Apparel & Footwear Association ließ dazu gemeinsam mit dem Prüfdienstleister Intertek zwei unabhängige Laborstudien durchführen. In der aktuellsten Untersuchung von Februar 2026 fielen 16 von 39 getesteten gefälschten Kleidungsstücken, Schuhen und Accessoires, also 41 Prozent, durch bei US-amerikanischen und internationalen Sicherheitsstandards. Mehr als ein Fünftel aller Proben überschritt die zulässigen Grenzwerte für Phthalate, eine Gruppe von Weichmachern. Ein Produkt enthielt fast 327.000 Teile pro Million Diethylphthalat, mehr als das 650-Fache des zulässigen Grenzwerts. Fünf Produkte fielen wegen PFAS durch, sogenannter Ewigkeitschemikalien, die sich im Körper anreichern, drei wegen Schwermetallen, darunter ein Produkt mit 191 Teilen pro Million Blei. Eine erste Studie desselben Verbands aus dem Jahr 2022 kam mit 36,2 Prozent durchgefallener Proben zu einem ähnlichen Ergebnis und wies unter anderem eine 600-fache Überschreitung des Grenzwerts für Cadmium nach, ein Schwermetall, das Nieren, Knochen und Atemwege schädigen kann. Bei einer gefälschten Jeans oder einem gefälschten Trikot sieht man solche Werte niemandem an, weder dem Käufer noch dem Stoff selbst.

Mäntel und Pullover in Belek, Türkei
Mäntel und Pullover in Belek, Türkei

Hinter dem Produkt steht eine Lieferkette

Bei einem einzelnen Fake sieht man meistens nur einen Verkäufer, das Geschäft dahinter kann wesentlich größer sein. Es braucht jemanden, der die Ware herstellt, andere kümmern sich um Verpackung und Etikettierung, dann muss die Ware transportiert, gelagert und verkauft werden. Bei internationalen Geschäften kommen weitere Beteiligte hinzu. Europol und EUIPO beschreiben in ihrem gemeinsamen Fallbuch zur Verzahnung von Produktpiraterie mit anderen Kriminalitätsformen, wie Fälschungshandel mit organisierter Kriminalität verwoben ist: mit Drogenhandel, Zwangsarbeit, illegalem Waffenbesitz, Lebensmittelbetrug, Steuerhinterziehung, Bestechung und, in einem eigenen Kapitel, mit Geldwäsche. Die Autoren halten fest, dass Geldwäsche bei Fälschungsnetzwerken praktisch immer vorkommt und sich in nahezu jedem der von ihnen untersuchten Fälle nachweisen ließ. Ein kriminelles Netzwerk muss nicht für jedes illegale Geschäft neue Strukturen aufbauen, bestehende Kontakte und Kanäle lassen sich für unterschiedliche Aktivitäten nutzen.

Ein Anruf vom Zoll und eine Lagerhalle voller Jeans

Wie konkret diese Verzahnung in der eigenen Kanzleipraxis aussehen kann, zeigt ein Fall, den ich selbst begleitet habe. Mein Mandant war der US-amerikanische Hersteller einer bekannten Jeansmarke. Informiert wurde ich nicht vom Zoll, sondern von der Kriminalpolizei: Die ermittelnden Beamten hatten in einer Lagerhalle neben Rauschgift und Waffen tausende gefälschte Markenjeans gefunden. In diesem Fall hatte es sogar einen Toten gegeben.

Bei Verfahren wegen gefälschter Ware wird die Anzeige in aller Regel eingestellt, deshalb verzichten viele Markeninhaber von vornherein auf einen Strafantrag. Wir haben ihn trotzdem gestellt, aus einem einzigen Grund: Ein Strafantrag sichert das Recht auf Akteneinsicht, und zwar auch dann, wenn das Verfahren wegen der Fälschung selbst eingestellt wird. Weil es in diesem Fall um ein Kapitalverbrechen ging, wurde besonders genau ermittelt, und wir bekamen Einblick in den kompletten Weg der Ware: Produktion in China, Zwischenstation Türkei, dann über Bulgarien und Griechenland auf dem Landweg in die Europäische Union. Das deckt sich mit der Größenordnung, die auch die US-Zollbehörde CBP für Fälschungen insgesamt meldet: In den Geschäftsjahren 2024 und 2025 entfielen jeweils rund 90 Prozent der beim US-Grenzzoll mengenmäßig beschlagnahmten Fälschungen auf China und Hongkong zusammen.

Ohne einen Antrag beim Zoll wird an der Grenze nicht automatisch nach Fälschungen gesucht, das ist kein Selbstläufer. Ein solcher Antrag auf Grenzbeschlagnahme gilt ein Jahr, ist verlängerbar, und er lohnt sich vor allem dann, wenn der Markeninhaber dem Zoll konkrete Vertriebswege und Erkennungsmerkmale liefern kann. Je genauer die Angaben, desto zielsicherer die Kontrolle. Bei den Jeans aus diesem Fall war es eine gekettelte Innennaht, die das Original von den meisten Fälschungen unterschied. Findet der Zoll verdächtige Ware, hält er sie zehn Tage fest und informiert den Markeninhaber, in der Praxis oft eine knappe E-Mail eines einzelnen Zollbeamten, auf die innerhalb weniger Tage reagiert werden muss. Wer eine Unionsmarke hält, sollte den EU-weiten Antrag stellen, der schließt den deutschen Zoll automatisch ein.

Wie Fälschungshandel mit Geldwäsche zusammenhängt

Geldwäsche bedeutet vereinfacht gesagt, dass die Herkunft illegal erwirtschafteter Vermögenswerte verschleiert werden soll. Eine verbreitete Methode dafür ist die Nutzung des internationalen Warenhandels, von der Financial Action Task Force als Trade-Based Money Laundering bezeichnet. Rechnungen, Warenbewegungen und grenzüberschreitende Zahlungen bieten dafür reichlich Gelegenheit, und beim Fälschungshandel kommt hinzu, dass mit den Waren selbst bereits illegale Einnahmen entstehen, für die anschließend eine legale Herkunft konstruiert werden muss.

Wie eng diese beiden Kriminalitätsformen tatsächlich verzahnt sein können, zeigt ein Fall, den Europol als einen der größten Schläge gegen ein europäisches Fälschungsnetzwerk einstuft. Ermittler der spanischen Nationalpolizei und Steuerbehörden zerschlugen mit Unterstützung von Europol ein Netzwerk, das an der französisch-spanischen Grenze bei La Junquera und Le Perthus operierte und über Jahre hinweg als zentrale Drehscheibe für den Vertrieb gefälschter Markenware in der Europäischen Union diente. Bei der Durchsuchung von Geschäften, Supermärkten und Lagerhallen beschlagnahmten die Behörden fast 265.000 gefälschte Artikel, darunter Textilien, Schuhe, Uhren, Sonnenbrillen, Lederwaren und Schmuck, mit einem geschätzten Schwarzmarktwert von 8 Millionen Euro. Die Ermittlungen bestätigten einen illegalen Umsatz von mehr als 5 Millionen Euro. Zugleich stellten die Behörden fest, dass mehr als 9 Millionen Euro über Geldwäschestrukturen desselben Netzwerks geflossen waren, teils versteckt hinter eigens eingebauten Hohlwänden und Geheimfächern in den durchsuchten Räumen. Der Fälschungshandel und die Geldwäsche liefen hier nicht nebeneinanderher, sie waren Teil derselben kriminellen Struktur, die einen Teil ihrer Einnahmen aus dem Verkauf der Fakes in scheinbar legale Kanäle einspeiste.

Daraus folgt nicht, dass jeder Kauf eines gefälschten Produkts automatisch Geldwäsche finanziert, eine solche Pauschalaussage wäre nicht seriös, denn nicht jeder Fälscherring betreibt Geldwäsche in diesem Umfang. Die belastbare Aussage ist präziser: Bei den europäischen Fälschungsnetzwerken, die Europol und EUIPO im Detail untersucht haben, war Geldwäsche keine Ausnahme, sondern der Regelfall, weil kriminelle Gewinne aus dem Verkauf von Fälschungen ohne eine solche Verschleierung kaum in legale Wirtschaftskreisläufe gelangen.

Was hat das mit Drogenhandel zu tun?

Hier lohnt sich besondere Vorsicht. Die Aussage, wer einen Fake kauft, finanziere Drogenhandel, klingt gut für eine Schlagzeile, lässt sich so pauschal aber nicht belegen. Was sich belegen lässt, ist die Überschneidung krimineller Märkte. Bei Operation RapTor, einer von Europol im Mai 2025 koordinierten Razzia gegen kriminelle Aktivitäten im Darknet, wurden 270 Personen in zehn Ländern festgenommen. Die Ermittler beschlagnahmten dabei mehr als zwei Tonnen Drogen, darunter 144 Kilogramm Fentanyl, über 180 Schusswaffen und zusätzlich rund 12.500 gefälschte Produkte, alles aus denselben Netzwerken. Auch die von Europol und EUIPO dokumentierten Fälle zeigen dieses Muster wiederholt: In Operation Horse etwa, bei der ein Netzwerk gefälschte Ferrari- und Lamborghini-Fahrzeuge herstellte, fanden Ermittler im Haus des Anführers zugleich eine Marihuana-Plantage mit fast tausend Pflanzentöpfen.

Für den einzelnen Käufer bedeutet das nicht, dass sein Geld nachweislich bei einem Drogenhändler landet. Es zeigt aber, warum Strafverfolgungsbehörden Fälschungen nicht als isoliertes Kavaliersdelikt betrachten. Illegale Märkte sind miteinander verbunden, Geld, Kontakte, Logistik und technische Infrastruktur fließen zwischen verschiedenen kriminellen Aktivitäten.

Zwangsarbeit und Arbeitsausbeutung

Eine Entwicklung, die in der öffentlichen Diskussion über Produktfälschungen bislang wenig Aufmerksamkeit bekommt, haben OECD und EUIPO erst im Januar 2026 systematisch untersucht. In ihrer Studie “From Fakes to Forced Labour” verglichen die Forscher, aus welchen Ländern besonders häufig Fälschungen stammen, mit Indikatoren für Arbeitsausbeutung wie Zwangsarbeit, informelle Beschäftigung, überlange Arbeitszeiten und mangelndem Arbeitsschutz. Das Ergebnis: Länder, die häufig als Herkunft von Fälschungen identifiziert werden, weisen systematisch schlechtere Arbeitsmarktbedingungen auf, ein statistisch robuster Zusammenhang, den die Studie erstmals ökonometrisch belegt.

Wie konkret das aussehen kann, zeigt ein Fall aus Spanien, den die Guardia Civil im Februar 2020 gemeinsam mit litauischen, polnischen und britischen Behörden aufdeckte. Die Ermittler fanden eine komplette Zigarettenfabrik vier Meter unter der Erde, mit eigenen Schlaf- und Aufenthaltsräumen für die Arbeiter, die die Anlage nicht selbständig verlassen durften und ohne funktionierende Notfallsicherung unter giftigen Dämpfen arbeiteten. In einem ähnlich gelagerten Fall in Belgien fand die Wirtschaftsaufsicht eine improvisierte Fertigungsstraße für gefälschte Smartphones in einem Privathaus nahe Brüssel, in dem die Arbeiter, die kein Wort Niederländisch oder Französisch sprachen, unter beengten Verhältnissen lebten und laut den Ermittlungen faktisch nicht frei über ihre Situation entscheiden konnten. Solche Einzelfälle beweisen nicht, dass jede Fälschung unter Zwang hergestellt wird, sie zeigen aber, dass der von OECD und EUIPO gemessene statistische Zusammenhang keine abstrakte Zahl ist, sondern sich in konkreten Ermittlungsakten wiederfindet.

Geschäfte in Belek, Türkei
Geschäfte in Belek, Türkei

Nach Schätzungen der Internationalen Arbeitsorganisation befanden sich 2021 weltweit 27,6 Millionen Menschen in Zwangsarbeit, die jährlich schätzungsweise 236 Milliarden US-Dollar an illegalen Profiten erwirtschaftet. Die Studie beweist nicht, dass ein bestimmtes gefälschtes Kleidungsstück von einer Person unter Zwang hergestellt wurde, sie zeigt einen statistischen Zusammenhang zwischen Fälschungshandel und Bedingungen, unter denen Arbeitsausbeutung wahrscheinlicher wird. Das ist trotzdem relevant, denn ein illegaler Markt steht außerhalb vieler Kontrollmechanismen, die im legalen Wirtschaftskreislauf greifen. Wer möglichst billig produzieren will und gleichzeitig Behörden und Markeninhaber umgehen möchte, hat andere wirtschaftliche Anreize als ein regulärer Hersteller. Der niedrige Preis eines Fakes hat deshalb möglicherweise mehr als eine Erklärung.

Kleine Pakete, große Anonymität

Früher musste man eine Fälschung häufig auf einem Markt oder bei einem Straßenhändler suchen, heute reicht ein Smartphone. Ein professionell aussehender Onlineshop kann von überall betrieben werden, Social-Media-Accounts präsentieren die Produkte, Marktplätze dienen als Vertriebskanal, kleine Pakete gelangen direkt zum Kunden. Ein Verkäufer auf einem Markt kann offensichtlich dubios wirken, ein professioneller Onlineshop mit guten Produktbildern und freundlichem Kundenservice sieht dagegen schnell wie ein normales Unternehmen aus.

Die Zahlen bestätigen diesen Wandel. Nach den aktuellen Daten von OECD und EUIPO entfielen im Zeitraum 2020 und 2021 bereits 79 Prozent aller Beschlagnahmungen auf Sendungen mit weniger als zehn Artikeln, gegenüber 61 Prozent in den Jahren 2017 bis 2019. Fast 60 Prozent aller weltweit beschlagnahmten Fälschungen erreichten ihr Ziel schlicht per Post, weitere 17 Prozent über Expresskurierdienste. Der Trend zu Kleinsendungen passt zu einem Geschäftsmodell, das konsequent auf E-Commerce und Direktversand setzt, auch weil viele Postzentren gar nicht dafür ausgestattet sind, die wachsende Zahl kleiner Pakete einzeln zu kontrollieren. Für den Käufer hat das einen weiteren Effekt: Er bekommt die kriminelle Lieferkette nie zu Gesicht. Sie beginnt vielleicht in einer Fabrik auf einem anderen Kontinent und endet mit einem Paket, das ein Zusteller an der eigenen Haustür abgibt.

Wenn der Fake-Shop gefährlicher ist als der Fake

Es gibt einen Fall, bei dem der Käufer überhaupt keine Fälschung erhält, weil er selbst zum Ziel wird. Gefälschte Markenprodukte werden auch über Fake-Shops angeboten, die einzig dazu dienen, Zahlungsdaten oder persönliche Informationen abzugreifen. In Deutschland zeigt der Fakeshop-Finder der Verbraucherzentralen die Dimension dieses Problems: Bis November 2025 hatte das Tool bereits 86.000 gefälschte Online-Shops identifiziert und wird inzwischen mehr als sieben Millionen Mal genutzt, mit aktuell rund 13.000 Abfragen pro Tag. Das Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik warnt regelmäßig vor der zunehmenden Professionalisierung solcher Shops, mit echten Produktfotos, korrektem Deutsch und kopierter Markenbildsprache. Nach dem BSI-Cybersicherheitsmonitor 2025 war Betrug beim Onlineshopping mit 22 Prozent der Fälle die häufigste Form von Cyberkriminalität, mit der Verbraucher im Jahr davor konfrontiert waren, noch vor Phishing und Identitätsdiebstahl.

Damit kann ein vermeintliches Schnäppchen ein ganz anderes Problem auslösen. Vielleicht kommt die bestellte Ware nie an, vielleicht ist die Qualität völlig anders als auf den Fotos, vielleicht werden schlicht die Zahlungsdaten abgegriffen. Der Verbraucher wird dann gleichzeitig Opfer eines Betrugs und eines Geschäftsmodells, das mit gefälschten Markenprodukten wirbt.

Was Verbraucher tatsächlich denken

Die EUIPO befragt regelmäßig Bürger in ganz Europa zu ihrer Wahrnehmung von Fälschungen. Nach der aktuellsten Ausgabe der Studie gaben 13 Prozent der Europäer an, in den vergangenen zwölf Monaten absichtlich eine Fälschung gekauft zu haben, bei den 15 bis 24-Jährigen waren es 26 Prozent. Gleichzeitig glaubten 80 Prozent der Befragten, dass kriminelle Organisationen hinter dem Fälschungsgeschäft stehen, und zwei Drittel sahen ein Gesundheits-, Sicherheits- oder Umweltrisiko. Trotzdem hielten 31 Prozent den Kauf für akzeptabel, wenn ihnen das Original zu teuer war, bei den jungen Konsumenten sogar die Hälfte. Das Wissen um die Risiken und das eigene Kaufverhalten klaffen also deutlich auseinander.

Wie diese Lücke im Alltag aussieht, zeigt eine Nachricht, die eine Mandantin ihrem Anwalt vorlegte: Eine Bekannte hatte per Chat gefragt, ob sie noch eine Replika eines bestimmten Luxusuhrenmodells besorgen könne, weil ihr das Original zu teuer sei, und gleich mehrere Marken wie Rolex, Richard Mille, Audemars Piguet, Vacheron Constantin und Omega zur Auswahl genannt, dazu passende Handtaschen. Genau diese Anfrage, freundlich formuliert, unter Freundinnen, ohne jedes Unrechtsbewusstsein, ist der Alltag, aus dem die abstrakten Umfragezahlen der EUIPO bestehen. Die Anfrage macht auch deutlich, wonach Käufer in der Praxis fragen: Sie wollen wissen, ob Material und Handgefühl nah am Original liegen, ob eine Fälschung im Alltag durchgeht, manchmal sogar, ob sie selbst als Fälschung erkennbar ist. Die Frage, wer das Produkt hergestellt hat und unter welchen Bedingungen, taucht dabei erwartungsgemäß nicht auf, sie liegt schlicht außerhalb dessen, was beim Kauf sichtbar wird.

Der vermeintliche Preisvorteil

Nehmen wir wieder unsere Uhr für 30 Euro, während das Original 300 Euro kostet. Der Käufer spart auf den ersten Blick 270 Euro. Diese Rechnung berücksichtigt aber nur das, was unmittelbar sichtbar ist. Bei einem Original bezahlt der Kunde auch für Entwicklung, Design, Materialauswahl, Qualitätskontrolle, Vertrieb, Service und die rechtliche Verantwortung des Herstellers für sein Produkt. Bei einem Fake kann ein großer Teil dieser Kosten entfallen, weil Arbeitsschutz, Materialprüfung oder Produkthaftung schlicht nicht stattfinden. Das allein erklärt schon einen Großteil des niedrigen Preises.

Der Käufer bekommt möglicherweise tatsächlich ein Produkt, das äußerlich erstaunlich nahe am Original liegt. Daraus folgt aber nicht, dass beide Produkte wirtschaftlich dasselbe sind. Die Unterschiede liegen dort, wo man sie nicht sieht: in der Herkunft des Materials, in der Produktionskontrolle, in der Sicherheit, in der Lieferkette, im Umgang mit den Menschen, die das Produkt hergestellt haben, in der Finanzierung des Geschäfts und in der Frage, wer Verantwortung übernimmt, wenn etwas schiefgeht. Wenn die Uhr nach drei Monaten kaputtgeht, war sie nicht mehr besonders günstig. Wenn das Produkt gefährlich ist, wird der Preisvorteil schnell bedeutungslos. Und wenn der Verkäufer nebenbei die Zahlungsdaten abgreift, wird aus dem vermeintlichen Schnäppchen ein ganz anderer Vorgang.

Man sollte deshalb nicht aus jeder dieser Verbindungen eine zwingende Kausalität für den Einzelfall machen. Nicht jeder Fälscher betreibt Geldwäsche im großen Stil, nicht jeder Fälschungshändler handelt mit Drogen, nicht jedes gefälschte Kleidungsstück wird unter Zwang hergestellt, und nicht jeder Käufer weiß überhaupt, dass er eine Fälschung kauft. Was die Fallakten von Europol und EUIPO aber zeigen, ist ein wiederkehrendes Muster: Wo Ermittler ein Fälschungsnetzwerk im Detail untersucht haben, fanden sie in aller Regel weitere Straftaten, allen voran Geldwäsche. Der internationale Handel mit Fälschungen ist groß, ein erheblicher Teil davon wird von organisierten kriminellen Strukturen betrieben, diese Strukturen sind eng mit Geldwäsche verwoben, und es gibt inzwischen belastbare Hinweise auf Zusammenhänge mit Arbeitsausbeutung.

Schuhe in Belek, Türkei
Schuhe in Belek, Türkei

Als Käufer sieht man von alldem meistens nichts. Man sieht das Produkt, man sieht das Logo, man sieht den Preis. Die Menschen, die das Produkt hergestellt haben, die Lieferwege, die Finanzierung und die übrigen Geschäfte des Verkäufers bleiben unsichtbar. Das gilt für den Onlineshop genauso wie für den Marktstand im Türkei- oder Italienurlaub, an dem die gefälschte Handtasche oder das Polohemd mit dem falschen Krokodil so verlockend nah am Original liegt und für fünf oder zehn Euro wie ein harmloses Urlaubssouvenir wirkt. Dort kaufen die meisten Menschen ihre erste Fälschung, spontan und mit gutem Gewissen. Zwei Dinge sollte man dabei trotzdem wissen. Bei genau diesen Textilien und Accessoires haben unabhängige Labortests wiederholt Weichmacher, Schwermetalle und andere Schadstoffe weit über den zulässigen Grenzwerten gefunden, in einem Fall das 650-Fache des Grenzwerts für einen einzelnen Stoff, und man trägt ein solches Kleidungsstück direkt auf der Haut, oft über Jahre. Und der freundliche Verkäufer am Marktstand ist meistens nur die letzte, kleinste und harmloseste Station einer Lieferkette, die überdurchschnittlich häufig Teil derselben kriminellen Strukturen ist, die auch Geldwäsche, Zwangsarbeit und in manchen Fällen Drogen- und Waffenhandel organisieren. Wer dort kauft, finanziert nicht abstrakt “die organisierte Kriminalität”, sondern sehr konkret die Netzwerke, die Europol und Zollbehörden in den hier beschriebenen Fällen zerschlagen haben. Beim nächsten vermeintlichen Schnäppchen lohnt sich deshalb weniger die Frage, wie gut der Fake aussieht, als die Frage, was auf der Haut landet und wessen Geschäft man gerade finanziert.

Rolf Claessen ist Patentanwalt und Partner bei Michalski Hüttermann & Partner Patentanwälte mbB. Er beschäftigt sich in seiner Kanzleipraxis regelmäßig mit der markenrechtlichen Seite von Produktpiraterie und den Möglichkeiten, dagegen vorzugehen.

Quellen